Flexibel gegen die Anonymität

Es ist eine der auffälligsten Paradoxien der Großstadt: das Gefühl des Alleinseins inmitten von Menschen. Anstatt für eine Fülle an sozialen Beziehungen zu sorgen, scheinen die Menschenmassen den Kontakt zum Einzelnen zu verhindern: Man geht in der Menge unter. Die Anonymität in der großen Stadt ist bereits von Goethe beschrieben worden, wobei dieser sich in Neapel noch ihrer erfreut hat; der Soziologe und Philosoph Georg Simmel theoretisierte sie 1903 als einer der Ersten, wobei er sie eher negativ bewertete. Sie ist also mitnichten etwas Neues, aber zugleich gewinnt sie in einer zunehmend urbanisierten Welt stetig an Relevanz. Denn Verstädterung bedeutet nicht nur, dass es immer mehr Großstädte gibt, die die Ausmaße von Megastädten annehmen, sondern auch dass diese immer dichter bebaut und bewohnt werden. Höhere Dichte verstärkt aber die Anonymität. Für viele Menschen stellt das ein Problem dar, vor allem wenn sie neu in eine Stadt ziehen.

Gerade Studenten haben zum Studium oft ihren Heimatort verlassen. Sie kommen häufig in Städte, in denen sie wenige oder niemanden kennen und wohnen regelmäßig in kleinen Wohnungen in großen Gebäuden. Auch die meiste Studentenwohnheime sind konstruiert wie gewöhnliche Mietshäuser: lange Flure, gesäumt von Türen, die zu Einzimmerappartements führen. Solche Strukturen sind prädestiniert, das Gefühl der Vereinsamung zu verstärken. „Sie verhindern die Identifikation mit dem Umfeld, begünstigen Vandalismus und können sogar zum Studienabbruch führen,“ so Moritz Fedkenheuer, Sozialwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Architekturfakultät der TU Darmstadt.

Um diesen Auswirkungen entgegenzuwirken, gibt es vermehrt Wohnprojekte, die mit Formen des gemeinschaftlichen Wohnens experimentieren. Über das Projekt „Cubity“ im Frankfurter Stadtteil Niederrad haben wir bereits berichtet. Kleinere private Räume werden hier kombiniert mit großen Gemeinschaftsflächen. Wie diese Flächen genutzt werden, ist dabei nicht festgelegt. Die Bewohner entscheiden selbst, was und wie lange sie es dort tun. Die Flächen können mit der Zeit eine andere Bestimmung erhalten. So wird aus dem gemeinschaftlichen auch ein flexibles Wohnen. Diese Art des Wohnens fördert, so wird man mutmaßen dürfen, die Gemeinschaftsbildung: Wer über die Gestaltung seiner Umgebung mitentscheiden kann, identifiziert sich stärker mit ihr und baut leichter Beziehungen zu seinen Mitbewohnern auf. Das Problem der Anonymität ist damit nicht gelöst, aber gemeinschaftliches Wohnen kann einen beruhigenden Kontrapunkt zur gesichtslosen Menschen­masse auf den Straßen der Großstadt setzen.

Wie die Wohnbedingungen aussehen müssen, damit gemeinschaftliches Wohnen diese Wirkung entfalten kann, untersucht jetzt das Projekt „Wohnformen. Vergleichende Untersuchung zu gemeinschaftlichen und individuellen Wohnbedürfnissen“, das von Professor Bernd Wegener und dem Frankfurter Architekten Hans Drexler geleitet wird. Gefördert wird es von dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Rahmen der Forschungsinitiative Zukunft.

Das Forschungsvorhaben untersucht, welche Wohnformen und Architekturen die Anforderungen an gemeinschaftliches Wohnen erfüllen und zugleich zu einer hohen Nutzerzufriedenheit führen. Dabei sollen Wohnformen untersucht werden, die sich an der Differenzierung von studentischen Wohnheimen orientieren. Vier Typen werden unterschieden: A. Mikroapartments mit großen Gemeinschaftsflächen (z. B. Cubity), B. Wohngemeinschaft (WG) mit großen Gemeinschaftsflächen, C. Flurgemeinschaft mit gemeinschaftlich genutzten Funktionsräumen und D. Apartments (individua­lisiertes Wohnen). Ein Beispiel für den Typ B ist das Collegium Academicum in Heidelberg (s. Bild), ein studentisches Wohnheim in Wohngemeinschaftsform, das von der DJG Architektur GmbH, Frankfurt, geplant wird.

Die Grundrisse der zu untersuchenden Objekte unterscheiden sich in Bezug auf das Verhältnis zwischen privaten, halb-öffentlichen und öffentlichen Bereichen und die damit verbundene funktio­nale Differenzierung. Sie bieten die Möglichkeit, verschiedene Konzepte gemeinschaftlichen Wohnens im Hinblick auf ihren Flächenverbrauch (Suffizienz) und ihre soziale Nachhaltigkeit (Nutzerzufrieden­heit) zu vergleichen. In diesem Sinne ist die Forschung interdisziplinär. Sie hat einen sozialwissenschaftlichen und einen architektonischen Teil. Die sozialwissen­schaftliche Forschung untersucht das Zusammenwirken von Mensch und Wohnumgebung sowie die Interaktionen der Bewohner untereinander. Die architektonische Forschung beschreibt die Wohnumgebung in Zeichnungen und Abbildungen und leitet daraus übergreifende Aus­wertungen ab.

 

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