Form Follows Feeling – Alles soll sich wie zuhause anfühlen

Egal, ob in der Arbeit, im Hotel oder auf Reisen, der neue Möbeltrend geht in Richtung Wohnlichkeit. Überall soll das Gefühl entstehen, man sei im eigenen Wohnzimmer. Bereits 1969 hat Hartmut Esslinger eine globale Design- und Strategiefirma gegründet, die dem Prinzip “Frog” folgt. So sollte Design nicht mehr steril und funktional sein, sondern eher Emotionen vermitteln. Dieses Prinzip zeigt sich nicht nur in den Möbeln und Gegenständen, sondern soll auch für Räume und Systeme gelten. Faktisch ein allumfassendes Konzept.

Bei zahlreichen Möbelherstellern fällt auf, dass sie gar nicht nachforschen, wie ihre Produkte verwendet werden, sobald sie den Verkaufsraum verlassen. Dabei ist es wichtig zu wissen, worauf Kunden Wert legen, um die Möbel an ihre Bedürfnisse anpassen zu können. Auch zahlreiche Architekten prüfen nach dem Einzug der Kunden nicht mehr, ob sie sich in ihrem neuen Heim wohlfühlen oder wie es eingerichtet worden ist. Sie legen den Fokus auf moderne Formen und Materialien, vernachlässigen aber das Grundgefühl, welches das Gebäude hinterlässt. Es gibt zwar inzwischen eine architektursoziologische Wellbeing-Forschung, aber wie Professor Bernd Wegener von der Humboldt-Universität beklagt: „Es gehört zum beruflichen Selbstverständnis der Architekten, dass sie immer schon wissen, was richtig ist und was den zukünftigen Nutzern von Gebäuden gefällt.“

Die Designerin Ilse Crawford sagt dazu, dass Designer erst am Ende eines Projekts hinzukommen würden, dabei müssten sie schon von Anfang an einbezogen werden. Sie sollen das Menschliche einbringen, die Wärme, die Geborgenheit, den Geschmack und das gute Gefühl. Das gehe beispielsweise durch ausbalancierte Materialien wie Backstein, Eiche, Marmor, Kork oder Wolle. Vor allem in Hotels fällt häufig auf, dass viel Wert auf Service gelegt wird, jedoch weniger auf Interaktion. Es gehe heute nicht hauptsächlich darum, wie teuer etwas ist, sondern wie es sich anfühlt, sagt auch der New Yorker Hotelier Ian Schrager. Die Menschen legen viel Wert darauf sich wie zu Hause zu fühlen, selbst wenn sie arbeiten oder auf Reisen gehen. Dabei soll es natürlich nicht exakt wie im eigenen Heim aussehen, sondern eher das Gefühl davon vermitteln.

Gelungen ist dies beispielsweise bei Starbucks, wo im Vorfeld eine Befragung durchgeführt wurde, was Kaffeetrinkern wirklich wichtig ist. Herausgekommen ist, dass weniger der Kaffee im Mittelpunkt steht, sondern, dass Konsumenten sich einen Platz der Entspannung wünschen, wo sie sich zugehörig fühlen. Die Architekten und Designer von Starbucks haben diese Umfrage ernst genommen und die Läden dahingehend gestaltet. Beispielsweise gibt es dort nur runde Tische, damit allein trinkende Kaffeeliebhaber sich nicht einsam fühlen. Denn an einem runden Tisch gibt es keine leeren Sitzplätze.

Ein weiteres gelungenes Beispiel im Bereich des Reisens ist das kleine Hotel im Norden von Stockholm, „Ett Hem“, was „Zu Hause“ bedeutet. Das 1910 errichtete Haus wurde von der Designerin Ilse Crawford und dem Architekten Anders Landström umgebaut. In den zwölf Zimmern inklusive eines kleinen Gartens fühlen sich Gäste außergewöhnlich wohl. Viele schwärmen von ihrem Aufenthalt und beschreiben ihn mitunter als die schönsten Tage ihres Lebens. Das könnte daran liegen, dass sich die Besitzerin Jeanette Mix sowie die Dekorateurin sehr viel Zeit bei der Erstellung eines Konzepts gelassen haben. Dabei konzentrierten sie sich ganz auf die Frage, wie man Gästen heutzutage besondere Wertschätzung entgegenbringen kann. Ihre Antwort darauf war ein Hotel, in dem die Gäste überall willkommen sind. Es gibt keinen Front- und Back-Office-Bereich, die Küche ist für jeden zugänglich und Auschecken können die Gäste da, wo es ihnen am besten passt. So fühlen sich Gäste eher wie Freunde oder Familie. Natürlich zeigt sich dieses Konzept auch im Design. Die Zimmer sind teils mit klassischen, teils mit modernen Möbeln eingerichtet, die die ideale Verbindung von Funktionalität zu Schönheit herstellen sollen.

Woher dieses Bedürfnis nach einem Zuhause weg vom Zuhause kommt, liegt vielleicht am ehesten an der Globalisierung. Menschen sind mittlerweile viel unterwegs, dabei sehnen sie sich auch an anderen Orten nach Geborgenheit. Deswegen zieht sich der Trend von „Form Follows Feeling“ auch ins Arbeitsleben. Zum einen sind Arbeitgeber sehr daran interessiert, den Arbeitsplatz möglichst wohnlich zu gestalten, sodass die Mitarbeiter auch gerne länger bleiben als nötig. Zum anderen wünschen die Arbeitnehmer sich eine angenehme Umgebung, in der sie täglich ihre Arbeitszeit verbringen. Dazu gehören nicht nur eine Küche mit Kaffeemaschine, sondern auch schön gestaltete Meetingräume, Ruhezonen mit Loungemöbeln, Pflanzen und weitere Extras, die den Anschein geben, man sei zu Hause und nicht in der Arbeit. Man soll sich wohlfühlen.

Unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Geborgenheit zieht sich somit durch alle Lebensbereiche. „Form Follows Feelings“ greift diesen Wunsch auf und ermöglicht als Designtrend eine neue Art des Wohnens, Arbeitens und Reisens.

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