Örni Halloween: der Ritter der Arbeit und das Medici-Ding

Örni Halloween: der Ritter der Arbeit und das Medici-Ding

Die wenigsten kennen Örni Halloween. Doch die Leuchten, die er auf den Markt gebracht hat, sind uns vertraut wie alte Bekannte. Etliche, wie Tolomeo oder Tizio, sind inzwischen Design-Ikonen und begründen die Entwicklung ARTEMIDEs zu einer international führenden Leuchten Marke – eine gigantische Erfolgsgeschichte, die ohne Ernesto Gismondi alias „Örni Halloween“ nicht denkbar wäre. Mit seiner Leidenschaft für innovative Technik in höchst ästhetischer Form prägt der Firmengründer und Geschäftsführer die Entwicklung des Unternehmens bis heute – und das seit 60 Jahren!

Seine Passion für technischen Fortschritt, neue Materialien und modernes Design hat der 89-jährige Italiener nie aus den Augen verloren. Statt einer geradlinigen Karriereleiter gleicht Gismondis Lebenslauf eher einem facettenreichen Kaleidoskop. Bevor er 1960 zusammen mit dem Designer Sergio Mazza in Mailand das Unternehmen ARTEMIDE gründete, hatte er weder Design noch Architektur studiert, sondern Luft- und Raumfahrt- sowie Raketentechnik. Und zwischen 1964 und 1984 lehrte der ARTEMIDE-Chef auch als Professor und Experte für Raketentriebwerke am Polytechnikum Mailand. Das Ausloten von Einsatzmöglichkeiten neuer Materialien und Technologien ist die Schnittstelle beider Bereiche – und bis heute ein wesentlicher Motor seines Erfolgs. Dabei geht es nicht um die Technik an sich, sondern darum, sie für das Bedürfnis der Menschen nach funktionalem Arbeits- und stimmungsvollem Wohlfühllicht zu optimieren. Ein Ansatz, den Ernesto Gismondi und seine Frau Carlotta de Bevilacqua, CEO und Vizepräsidentin von ARTEMIDE, in den 1990er Jahren als „The Human Light“ zur Firmenphilosophie erhoben.

Die zweite Schiene des Erfolgs beruht auf Gismondis Idee, renommierte Designer an Bord zu holen. „Als wir mit Artemide starteten, war es die Zusammenarbeit mit bekannten Architekten, aus der wichtige Leuchten entstanden sind: so etwa mit Gio Ponti die Wandleuchte Fato“, erinnert sich der Firmenchef. Namen wie Mario Botta, Santiago Calatrava, Livio Castiglioni, Carlo Colombo, Michele De Lucchi, Richard Sapper und Ettore Sottsass ¬lesen sich in der Liste seiner kreativen Mitstreiter wie das Who is Who der Architektur- und Design-Legenden. Bis heute prägen die Größen der internationalen Designerszene den Genius der ARTEMIDE-Leuchten und sorgen für kulturelle Vielfalt. Nur der Name Örni Halloween erscheint in diesem Zusammenhang merkwürdig fremd. Dahinter verbirgt sich der Firmengründer selbst, der anfangs seine Leuchten unter Pseudonym herausbrachte. Immer war der ideenreiche Ingenieur auch mit einer guten Portion Humor bei der Sache, beispielsweise in der Gruppe „Memphis“, die in den frühen 1980er Jahren die Einrichtungsbranche mit avantgardistischen, schrill-bunten Entwürfen aufmischte.

Bei ARTEMIDE leitete Ernesto Gismondi nicht nur die Produktion, sondern auch die Bereiche Handel und Finanzen. Darüberhinaus war das vitale Allroundtalent im Industrie- und Arbeitgeberverband, beim Messeveranstalter Cosmit oder im Ministerium für Unterricht, Universitäten und Forschung aktiv, und er fungierte als Vizepräsident des Verbandes für Industriedesign(ADI). So viel Engagement verdient einen Orden! Im Jahr 2008 wurde Ernesto Gismondi für seine Verdienste in Industrie, Handel, Wissenschaft und Lehre vom italienischen Präsidenten zum „Cavaliere del Lavoro“ zum „Ritter der Arbeit“ ernannt – eine der schönsten seiner zahlreichen Auszeichnungen, doch längst kein Grund, sich zur Ruhe zu setzen.

Neben „The Human Light“ sind heute Nachhaltigkeit und Energieeffizienz die großen Themen. Das Leuchtmittel der Zukunft sieht Altmeister Gismondi in der LED. „Damit wurden Entwicklungen wie Solar Tree erst möglich, eine von der zentralen Energieversorgung unabhängige Außenleuchte mit Solarpaneelen und LED, die wir zusammen mit Ross Lovegrove entwickelt haben. Licht, ohne erst ein Stromnetz bauen zu müssen! Die Entwicklung geht da rasant weiter und wird eine weitere Evolution in der Lichttechnik bringen“, erklärt er und sorgt mit seinem Netzwerk von Kreativen dafür, dass ARTEMIDE diese Entwicklung weiter voranbringt. Nicht nur für seine 2015 entstandene Leuchte „Discovery“ erhielt Ernesto Gismondi den bedeutendsten italienischen Designpreis „Compasso D’Oro“, sondern 2018 auch für sein Lebenswerk. „Als Gründer von ARTEMIDE (…) war er während seiner langen Karriere ein Wegbereiter der Kooperation in der Welt des nationalen und internationalen Designs“, heißt es in der Laudatio der Jury. Ständig am Puls der Zeit – vor so viel Pioniergeist kann man nur den Hut ziehen! Die Frage, warum italienische Ingenieure sensibler für Ästhetik seien als deutsche, beantwortet er bescheiden: „Ach wissen Sie, das ist dieses Medici-Ding.“