26. August 2026 |
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Keramik – zwischen Gebrauchsstück und Skulptur

Gmundner Keramik verbindet seit mehr als einem Jahrhundert Handwerk, Design und zeitgenössische Kunst

Ton ist ein widerspenstiges Material. Er lässt sich formen, bemalen und glasieren, verlangt dabei Geduld, Erfahrung und den Mut, Neues zu probieren. In Gmunden hat sich aus diesem Zusammenspiel von Material und Handwerk eine besondere Kultur entwickelt: Seit Jahrhunderten wird am Traunsee Keramik gefertigt – und seit mehr als hundert Jahren ist die Gmundner Keramik Manufaktur zugleich ein Ort, an dem Künstlerinnen und Künstler mit dem Medium experimentieren. Was einst mit der Wiener Moderne begann, reicht heute bis zu internationalen Kooperationen und Residencies.

Von der regionalen Tradition zur Wiener Moderne
Gmunden blickt auf eine lange keramische Geschichte zurück. Seit dem 17. Jahrhundert wird hier mit Ton gearbeitet, Gebrauchskeramik gehört zur regionalen Kulturgeschichte. Mit der Gründung der „Künstlerischen Werkstätte Franz und Emilie Schleiss“ im Jahr 1909 erhielt diese Tradition eine neue künstlerische Dimension. Nur wenige Jahre zuvor hatten Michael Powolny und Bertold Löffler in Wien die „Wiener Keramik“ gegründet. Sie verstanden Keramik als eigenständiges künstlerisches Medium auf Augenhöhe mit Malerei und Skulptur. In enger Verbindung mit der Wiener Werkstätte entstand eine expressive, farbintensive Formensprache. Kunst sollte nicht allein im Museum stattfinden, sondern den Alltag durchdringen.

1912 wurden die Wiener und die Gmundner Keramik zu den „Vereinigten Wiener und Gmundner Keramik“ zusammengeführt. Damit gelangte die künstlerische Aufbruchsstimmung der Wiener Moderne ins Salzkammergut. Gmunden wurde zum Produktionsort und zugleich zur Fortsetzung einer Bewegung, die Gestaltung, Handwerk und modernes Leben miteinander verbinden wollte. Künstler wie Dagobert Peche, Franz von Zülow und Emilie Schleiss-Simandl prägten diese Phase. Die Keramik wurde zum Medium, in dem sich neue Formen, Farben und Ornamente unmittelbar mit handwerklicher Fertigung verbinden ließen. Dafür steht bis heute das charakteristische Grüngeflammte: Eine traditionelle, von Hand ausgeführte Technik macht jedes Stück zugleich zum Gebrauchsgegenstand und zum individuellen Objekt.

Von der Gebrauchskeramik zur freien Skulptur
Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich auch die künstlerische Auseinandersetzung mit Keramik. Zunehmend ging es nicht mehr allein darum, Geschirr formal neu zu gestalten. Künstler begannen, die Grenzen zwischen Gefäß, Skulptur und freier Kunst auszuloten und die Eigenheiten des Materials zum Thema zu machen.

Ein wichtiger Impuls ging dabei von der Gruppe H aus, der ab den späten 1960er-Jahren auch Franz Josef Altenburg angehörte. Die Werkgemeinschaft mit Künstlern wie Wolfgang von Wersin und Anton Raidel wollte die traditionelle Keramikproduktion um eine zeitgemäße, anspruchsvolle Formensprache erweitern. Altenburgs Arbeiten bewegen sich zwischen Gefäß und Skulptur. Sie sind geprägt von reduzierten Oberflächen, geschichteten Strukturen und einer architektonischen Ästhetik.

Diese Entwicklung wirkt bis in die Gegenwart. Das zu Gmundner Keramik gehörende Label Salzkammergut Keramik greift die historischen künstlerischen Positionen wieder auf und übersetzt sie in die Gegenwart. Nach Entwürfen von Wolfgang von Wersin wurde zuletzt auch eine Arbeit Altenburgs aus den 1970er-Jahren neu aufgelegt. Im Mittelpunkt steht dabei weniger der einzelne Designklassiker als die Wiederentdeckung einer Epoche, in der sich Keramik zunehmend als eigenständige Formensprache etablierte.

Die Manufaktur als künstlerischer Ort
Die Geschichte der Gmundner Keramik ist damit auch eine Geschichte der Künstler, die das Medium immer wieder neu interpretiert haben. Künstlerische Entwürfe trafen auf das Wissen der Keramikerinnen und Keramiker und mussten sich an den besonderen Eigenschaften von Ton, Glasur und Brennvorgang bewähren. Gerade diese Verbindung von Idee und handwerklicher Umsetzung wurde zu einer Stärke des Standorts.

An dieses Prinzip knüpft heute die 2022 von Gmundner Keramik und der OÖ Landes-Kultur GmbH gegründete Academy of Ceramics Gmunden (AoCG) an. Sie öffnet die Werkstätten der Manufaktur für zeitgenössische Kunst und macht Gmunden erneut zu einem Ort des künstlerischen Austauschs. Im Zentrum steht das Artist-in-Residence-Programm. Internationale Künstlerinnen und Künstler erhalten Zugang zu Werkstätten, Materialien und technischer Infrastruktur und arbeiten unmittelbar mit den Keramikerinnen und Keramikern vor Ort zusammen. Dabei treffen künstlerische Kreativität auf jahrzehntelang gewachsenes Wissen. Techniken werden erprobt und die Möglichkeiten des Materials neu ausgelotet.

Die Academy versteht sich deshalb nicht als reine Ausstellungsplattform: Sie ist ein Ort des Prozesses. In den Ausstellungen werden die entstandenen Arbeiten und der dahinter stehende Diskurs öffentlich gezeigt. Zugleich bringt das Programm unterschiedliche Generationen, Arbeitsweisen und kulturelle Perspektiven zusammen. Kooperationen mit internationalen Partnern wie dem New Taipei City Yingge Ceramics Museum in Taiwan erweitern diesen Dialog über Österreich hinaus.

Wenn zeitgenössische Kunst auf Handwerk trifft
Wie unterschiedlich die Ergebnisse dieses Austauschs sein können, zeigen die Kooperationen mit Künstlerpersönlichkeiten wie Erwin Wurm und Ai Weiwei. Wurms Skulpturenserie „Bad People“ nutzt Keramik für eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit Körper, Gesicht und Absurdität. Ai Weiwei wiederum arbeitete mit Gmundner Keramik an keramischen Objekten, die historische und gesellschaftliche Themen aufgreifen und dabei die kulturelle und politische Dimension des Materials sichtbar machen.

Auch Elmar Trenkwalder steht für die Erweiterung des Mediums. Seine monumentalen Keramikskulpturen verbinden architektonische und historische Einflüsse mit einer konsequenten Auseinandersetzung mit den Grenzen des Materials. Ton wird hier nicht mehr zum Träger eines Dekors, sondern selbst zum künstlerischen Ausdrucksmittel.

Gleichzeitig bleibt die Gebrauchskeramik Teil der Identität der Manufaktur: Traditionelle Techniken, serielle Fertigung, individuelle Entwürfe und freie Kunst existieren nebeneinander und beeinflussen sich gegenseitig.

Ein lebendiges kulturelles Erbe
Damit steht Gmundner Keramik exemplarisch für eine österreichische Kulturgeschichte, in der sich künstlerische Strömungen immer wieder mit gewachsenem handwerklichem Wissen verbunden haben. Heute wird dieses Erbe auf unterschiedliche Weise weitergeführt: Die Wiederentdeckung historischer Künstler wie Wolfgang von Wersin und Franz Josef Altenburg rückt die eigene gestalterische Entwicklung neu ins Bewusstsein, während die AoCG den historischen Standort für internationale zeitgenössische Kunst öffnet. Geblieben ist die Überzeugung, dass Keramik weit mehr sein kann als ein Gebrauchsgegenstand: In Gmunden verbindet sie Kunst, Handwerk und Design – und bleibt ein Medium, das sich immer wieder neu erfinden lässt.

 

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