19. Mai 2026 |
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Zwischen Wiener Moderne und zeitgenössischer Keramikkunst: die neuen Editionen der Wiener Keramik

Als Michael Powolny und Bertold Löffler 1906 die Wiener Keramik gründeten, verstanden sie Keramik als künstlerisches Medium auf Augenhöhe mit Malerei und Skulptur – und als Träger einer modernen Idee: Kunst sollte den Alltag durchdringen, ohne sich ihm zu unterwerfen. In enger Verbindung mit der Wiener Werkstätte entstand eine expressive, farbintensive Formensprache, die rasch internationale Aufmerksamkeit erlangte.

Mit der Zusammenführung von Wiener und Gmundner Keramik zu den „Vereinigten Wiener und Gmundner Keramik“ im Jahr 1912 wurde diese Haltung ins Salzkammergut getragen. Gmunden entwickelte sich zur Produktionsstätte und zugleich zur geistigen Fortsetzung jener künstlerischen Ambition, die Handwerk, Entwurf und gesellschaftlichen Anspruch miteinander verband. Namen wie Dagobert Peche, Franz von Zülow, Emilie Schleiss-Simandl oder Gudrun Wittke-Baudisch stehen für diese Bewegung.

Heute wird die Tradition der Keramikkunst von der Academy of Ceramics Gmunden (AoCG) in Zusammenarbeit mit internationalen Künstlern fortgeführt. Werke von besonders hoher künstlerischer Qualität, die hier entstehen, dürfen das Wiener Keramik Label tragen – als Zeichen für handwerkliche Präzision, konzeptuelle Tiefe und zeitgenössische Relevanz.

Wie vielseitig diese Kunstwerke sind, zeigen die aktuellen, streng limitierten Künstlereditionen.

Rosi Steinbach entwickelt Vasen, die wie organische Wesen erscheinen. Ihre Formen erinnern an Baumstümpfe, Felsformationen oder überwachsene Oberflächen und verweisen zugleich auf die „geflammten“ Keramiken und Kachelöfen der Region. Die Deckel ihrer Vasen wachsen scheinbar aus dem Gefäß heraus und können als eigenständige Kleinplastiken gelesen werden. Steinbach verbindet regionale Erinnerung mit skulpturalem Denken. Keramik wird hier zur Landschaft im Kleinen.

Die “Traunsteinvasen” knüpfen an eine regionale Ofentradition an und verbinden klassische Handwerkstechniken mit skulpturaler Erneuerung.
Limitiert auf 10 Stück.

Bei Maria Kulikovska wird Keramik zum politischen Körper. Teller, Schüsseln und Reliefs dienen nicht der Repräsentation, sondern der Anklage. Ihre Arbeiten thematisieren Krieg, Gewalt und weibliche Körperlichkeit, gespeist aus persönlichen Erfahrungen von Exil und Verlust. Das traditionell häusliche Medium Keramik wird so zum Ort radikaler Sichtbarkeit – verletzlich und unübersehbar zugleich.

Jeder Aschenbecher dieser Serie besticht durch ein einzigartiges Design.
Limitiert auf 30 Stück.

Peter Baldinger, selbst im Salzkammergut aufgewachsen, reflektiert in seiner Plastik Gegenreformation historische Glaubenskriege und deren bedrückende Aktualität. Die Form einer modernen Rakete, gekrönt von einer kirchlichen Tiara, vereint religiöse Symbolik und zeitgenössische Gewalt. Dass dieses Machtbild aus Keramik gefertigt ist, verstärkt die Spannung zwischen ideologischer Härte und materieller Fragilität.

Die Plastik “Gegenreformation” kombiniert die Form einer modernen Rakete mit dem Symbol einer Tiara und verbindet damit historische und gegenwärtige Machtbilder.
Limitiert auf 10 Stück.

Die ukrainische Künstlerin Julia Beliaeva führt die Wiener Keramiktradition in eine digital geprägte Gegenwart. Ihre weißen Figuren und keramischen Architekturen entstehen aus dem Zusammenspiel von 3D-Technologien und handwerklicher Umsetzung. Krieg, Flucht und Fragilität sind zentrale Themen: Keramik wird zum Speicher von Erinnerung und Trauma, aber auch von Widerstandskraft.

Die Serie „Sadness • Siren • Hope“ greift die Tradition der Porzellan-Kinderfiguren auf und übersetzt sie in eine erschütternde Gegenwart: ein Junge als Sinnbild anhaltender Bedrückung, ein Mädchen, das im Krieg seine Beine verloren hat und zur Sirene wird, und das Porträt des Sohnes als Hoffnungsträger.
Limitiert auf jeweils 10 Stück.

Mit Kim Simonsson schließlich hält das Märchenhafte und Mythische Einzug. Seine figurativen Arbeiten verbinden Popkultur, Naturmotive und eine bewusst erneuerte Figuration. Bekannt für seine samtig-grünen „Moss People“, steht Simonsson exemplarisch für eine Generation, die Keramik aus der handwerklichen Nische befreit und in den internationalen Kunstdiskurs zurückgeführt hat.

Die Serie “Wolfgirl with Luru”, in zwei unterschiedlichen Ausführungen in Weiß und Grün, verbindet figurative Traditionen mit Popkultur, Märchenmotiven und innovativen Oberflächen. Limitiert auf jeweils 10 Stück.

Was diese Positionen verbindet, ist nicht Stil oder Thema, sondern eine Haltung: Keramik wird als ernstzunehmendes künstlerisches Medium verstanden, das Geschichte trägt und zugleich Gegenwart verhandelt. Die Wiener Keramik zeigt sich dabei als offenes System – verwurzelt im Handwerk, geprägt von historischer Verantwortung und bereit für zeitgenössische Fragestellungen. So setzt Gmundner Keramik eine über hundertjährige Tradition fort, ohne sie zu konservieren. Keramik wird erneut zu dem, was sie hier immer war: ein Spiegel ihrer Zeit – geformt aus Ton, Geschichte und Haltung.

 

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